Süddeutsche Zeitung, 16. 06. 2006 

Festival der Zauberzungen

Die “Sonambiente Berlin 2006” mixt zur WM einen globalen Sprachencocktail 

Als Mexiko schon längst gegen Iran spielt, schwärmt Kalle Laar immer noch von Holland. Wunderbar. Toll. Grandios. Hat man etwas verpasst? Haben die wirklich so gut gespielt gegen Serbien-Montenegro? Laar spricht nicht vom Fußball. Laar spricht vom Radio, vom entfesselten Kommentator eines niederländischen Senders, der die Übertragung des Spiels auf der Großleinwand im Foyer des Hau-ses der Berliner Festspiele begleitete. Voller Gefühl, voller Begeisterung, so Laar, sei dieser Kommentar gewesen. Und weil der Mann als Klangkünstler mindestens so sehr mit dem Ohr wie mit dem Auge lebt, sagt er: “Ein Sprachmusikstück, an das das Deutsche nur selten herankommt.” Um im Bild zu bleiben: Der Kommentator sprach so, wie Arjen Robben dribbelte, und, ganz nebenbei, ob das Deutsche im Verlauf dieser Fußball-Weltmeisterschaft daran herankommt, muss sich noch zeigen. 

Jedes Tor will ins Ohr 

Es ist ein guter WM-Nachmittag in Berlin. Draußen blauer Himmel, Sonnen-schein, ein weicher Wind streicht durch die Bäume im Garten. Deshalb ist drinnen nicht viel los, obwohl sie schöne runde Sitzpolster haben, die geschneidert sind wie alte Fußbälle, und obwohl sie sehr leckere Blätterteigtaschen mit Pilzen und Zucchini haben. Die Sonambiente Public Viewing World Cup Sound Art Lounge ist fast leer, und das ist ein Jammer. Denn dort wird man nicht, so Laar, “wie an jeder Ecke in Deutschland von Fernsehen zugemüllt, total konzeptlos, banal”.
In Laars Lounge hört man nicht Reinhold Beckmann oder Thomas Wark, traktieren sich nicht Delling und Netzer mit platten Beleidigungen. Das heißt, man sieht Delling und Netzer, aber man hört sie nicht. Was man hört, sind internationale Liveübertragungen im Radio, vor-zugsweise ausgewählt nach den Ländern, die spielen. Per Kopflhörer kann man sich in vier weitere Kanäle schalten. Iran gegen Mexiko also. Vor und nach dem Spiel und in der Halbzeit legt Laar Musik auf, die zum Spielplan passt. Weshalb es psychedelischen Sound aus Iran gab, für die Pause liegt Mariachi auf dem Plattenteller. Unterdessen sitzt nebenan, im ehemaligen Theater der Freien Volksbühne, der Künstler Tilman Küntzel zwischen Kabeln, Laptops und Computern und versucht, über die Satelliten Astra, Sirius und Hotbird Programme einzufan-gen. Mehr als tausend stehen zur Verfügung, vier leitet er weiter an Laars Mischpult, der gerade einen italienischen Sender auf den Lautsprecher geschaltet hat, dazu einen türkischen. Zunächst fühlt sich das irritierend an, aber dann wird es schnell faszinierend. Tapetenwechsel für die Wahrnehmung. Bild und Ton mal anders, völlig neue Wahrnehmung. Plötz-lich echauffieren sich jetzt lautstark ein Italiener und ein Türke. Sekunden später fällt das 1:1.
Die Lounge ist Teil von Sonambiente Berlin 2006, einem Festival für Hören und Sehen (www.sonambiente.net). Nach 1996 wird es zum zweiten Mal in Berlin veranstaltet. “Sonambiente”, so Matthias Osterwold einer der beiden künstlerischen Leiter, “interpretiert die Stadt als reales Klangkunstwerk, das Kunsterlebnis wird dem Menschen gleichsam als Stadterlebnis vermittelt und umgekehrt.” Um sich darunter etwas Konkretes vorzustellen, müsste man allerdings schon einige der Events besuchen. Etwa das Klang-Licht-Feld Labyrinth Meikyu 2 von Hans Peter Kuhn; die Installation Glass Works von Kris Vleschouwers, bei der 8000 Glascontainer sukzessive aus dem Regal fallen; oder die Veranstaltung des Freq out orchestra, bei der 13 Klangkünstler im unterirdischen Gewölbe am Schlossplatz ein Ton-inferno erzeugen. Osterwold: “Klangkunst ist eine relativ junge Kunstform, doch sie wird immer gegenwärtiger, das sieht man auf den Biennalen von Venedig und Berlin oder der documenta.”
Der Münchner Kalle Laar darf dabei nicht fehlen. Vor zehn Jahren hat er das “Temporäre Klangmuseum” gegründet und sich damit in der Szene einen Namen gemacht. “Das „Temporäre Klangmuseum”” so Laar, “ist eine sich immer wie-der neu zusammenstellende Präsentation, ein Konglomerat, das sich je nach Raum und Einladung generiert als Klangpräsentation.” Das kann ein Auftritt als DJ sein, das können Soundcollagen zur Vorstellung alter Tonbänder mit wissenschaftlichen Vorträgen sein oder auch nur ein Workshop in Schulen, wo Laar die Kinder auffordert, ihr Zuhause über Klänge zu definieren. Laar sagt: “Mit der visuellen Bilderflut in unserem Leben haben wir gelernt umzugehen, wir wissen, das Bild manipuliert, wir haben deshalb eine automatische Selektion eingebaut.”Anders ist es bei Geräuschen, denen entgeht man schwerer. Ein gemeinsames Projekt Laars mit dem Fotokünstler Michael Wesely bestand darin, dass Wesely das per Langzeitbelichtung entstandene Bild einer Straße auf eine Platte presste, auf der die Geräusche der Straße während der Aufnahme zu hören sind.
Der Klang, meint Laar, habe leider immer noch “eine andere Stellung als visuelle Phänomene”. Weshalb es ihm und seinem Kollegen Küntzel auch um die Doku-mentation der akustischen Sphäre geht. Jeder lege Fotoalben an, so Laar, jeder Film, jedes Werbevideo werde archiviert und lande so irgendwann in einer Datei. Klänge, die die Welt prägen und gewisser-maßen ein historisches Erbe der Mensch-heit darstellen, kommen und gehen meist. Weshalb Tilman Küntzel die Radioübertragungen von der WM mitschneidet. Auch das ist Teil eines Projekts bei Sonambiente. 
Füchtig scheint der Ton: er sendet sich weg, verfliegt im Äther. Aber nach der WM werden die Stimmen der Live-Kommentatoren aus aller welt ins Münchner "Klangmuseum" eingehen, in dem die alten Schallplattenschon auf ihre neuen Nachbarn warten.
Foto: Kay-Uwe Rosseburg
Sarasari, über Astra 1A5E 

Küntzels Installation in der Akademie der Künste besteht aus 64 Fußbällen die Kopfhörer tragen und in die nach Ländern sortierte Kommentare gespeichert werden. Wenn man das Ohr an den Ball legt, hört man das. Küntzel: “Der Ball sozusagen als Symbol für die Weltkugel, das globale Ereignis.” Jetzt hat er end-lich einen iranischen Sender gefunden (Sarasari über Astra 1A5E). “Die Atmosphäre, die von dem Ball ausgeht, wird von Tag zu Tag dichter, ein globales Sprachgewirr, das die Bedeutung des globalen Ereignisses wiedergibt.
“Küntzel hat vor dem Eröffnungsspiel versucht, in den 32 Teilnehmerländern diejenigen Radiosender zu recherchieren, die Fußball übertragen. Der Tabelle, die neben seinen Receivern liegt, kann man entnehmen, dass in Paraguay auch im Indiodialekt Guarani gesendet wird. Nur allzu viel kann er damit nicht anfangen. Denn entweder bräuchte er stärkere Receiver, um die Sender, zum Beispiel aus Afrika, in Berlin zu empfangen oder aber die staatlichen Anstalten, die von der Fifa Übertragungsrechte erworben haben, senden verschlüsselt. Küntzel: “Das Ganze ist ausgesprochen diffus, mir ist bislang nicht klar geworden, wel-che Rechte an wen vergeben wurden und wer was von wo senden darf. Der Künstler hat nun Freunde in Japan, Tschechien Australien und der Ukraine angemorst, die für ihn Radioreportagen auf Kassette aufnehmen. „Überraschenderweise kam aus Polen keine Rückmeldung auf meine Anfragen, obwohl das ganz nah ist.” Doch wie er gehört habe, werde in Polen selbst im Fernsehen nur eingeschränkt übertragen.
Festivalleiter Osterwold hat den Termin für Sonambiente bewusst während der Weltmeisterschaft gewählt. Nicht nur, weil “die Rituale massenhafter Fußballleidenschaft einer Stadt als Klangkunstwerk eine besondere Färbung verleihen”. Klar, Jubel, Trubel, singende, skandierende Fans. Doch es bot sich ohnehin an, so Osterwold, “Kunst und Fußball Doppelpass spielen zu lassen”.
Dass dabei auch das Radio als Medium in der Sonambiente Public Viewing World Cup Sound Art Lounge zelebriert wird, ist umso nahe liegender, als sich die Live-Kommentatoren aus südamerikanischen Ländern oft anhören wie Operntenöre im Fieberwahn. Und wenn es um Sarasari aus Iran geht, schwingt beim Kommentar auch die Sprachkultur des Landes mit. Es höre sich an, sagt ein Besucher der Lounge, „wie bei uns, eher ruhig, analytisch, ganz offenbar auf die technischen Elemente des Spiels bedacht, nicht so emotional wie etwa bei dem spanisch-sprachigen Sender der auf einem anderen Kanal zu hören war.
Das Spiel geht zuende. Mexiko hat gerade das 3:1 erzielt, das auf dem spanisch-sprachigen Sender mit ohrenbetäubendem Geschrei kommentiert wurde, gefolgt von einem rasanten Popsong mit dem Titel El Capitan. Dann ist Schluss. Kalle Laar legt noch mal Mariachi auf während, auf der Leinwand Gunther Jauch und Rudi Völler zu sehen sind, auf deren Tisch exotische Cocktails stehen. Man weiß nicht, worüber sie reden. Wie gesagt, kein Ton. Schon okay, denn Laar lässt den Mariachi ausklingen und wechselt zu Fado. Draußen dämmert es. Es war ein schöner Tag, fast wie im südländischen Sommer. Fado ist immer gut, und es ist eine schöne Einstimmung. Als nächstes spielt Portugal gegen Angola. Und was Jauch und Völler dazu zu sagen haben, müssen wir jetzt wirklich nicht hören. Gerhard Waldherr